Ich baue seit über einem Jahrzehnt Finanzmodelle, hauptsächlich mit spezialisierten Financial Planning & Analysis (FP&A) Produkten für Kunden aus Fertigung, Handel, Versorgung und der Finanzdienstleistungsbranche.
Als ich in diesem Kontext zum ersten Mal von Vibe Coding (Prompt-basierte Codegenerierung) hörte, war ich skeptisch. Wie um alles in der Welt soll das Prompten von KI „mal eben“ belastbare Anwendungen aus dem Nichts erzeugen? Gleichzeitig habe ich in den letzten Monaten gesehen, wie schnell sich die KI-Tools entwickeln. Deshalb glaube ich: Das Thema könnte verändern, wie wir über Build vs. Buy in FP&A nachdenken. Auch wenn völlig offen ist, wo wir am Ende landen.
Wie funktioniert Vibe Coding in der Praxis?
Vibe Coding heißt: Man beschreibt, was man braucht, in natürlicher Sprache. Die KI erzeugt den Code. Man iteriert im Dialog: „mach das Dashboard blau“, „füge ein Umsatzprognose-Modul hinzu“, „lies Daten aus dieser Excel-Datei und lade die Ergebnisse dorthin“. Die KI schreibt, der Mensch testet und optimiert im Dialog mit der KI.
Codegenerierung ist ein Bereich, in dem Generative KI (”GenAI”) heute schon weit ist. Und für Finance-Professionals, die Planungslogik verstehen, aber nie Programmieren gelernt haben, wird damit plötzlich möglich, kleine Tools und Anpassungen selbst zu bauen.
Aber genau hier beginnt das Spannungsfeld.
Vibe Coding in FP&A funktioniert gut für einfache Anforderungen
Vibe Coding wird derzeit stark gehypt und Finance-Teams experimentieren. Aber wie macht man es richtig? Einfache Use Cases funktionieren gut. Ein einfaches Eingabeformular, ein Abteilungsdashboard oder ein Import-Skript kann an einem Nachmittag entstehen, mitunter sogar in Minuten.
Sobald es aber um komplexe Logik geht, wird es anspruchsvoll: mehrjährige Forecasts mit Krediten, Capex, Abschreibungen, Konsolidierungsregeln. Je mehr Freiheiten Sie der KI geben, desto gründlicher müssen Sie überprüfen, was sie tatsächlich gebaut hat.
Der Hype erzeugt Druck, schnell zu liefern. Aber mit Geschwindigkeit ohne Verständnis entstehen technische Schulden.
Sicherheit, Integrität und Wartung: Die versteckten Risiken der Geschwindigkeit
KI hat kein Urteilsvermögen und sie muss sich nicht für ihre Entscheidungen rechtfertigen. Ohne klare Vorgaben nimmt sie den „einfachsten“ Weg. Deshalb müssen die Integrität von Sicherheit, Performance und Berechnungen bewusst eingebaut und kontrolliert werden.
Und dann ist da die Wartung als versteckter Kostenfaktor. Code, der in kürzester Zeit generiert wird, braucht Support, Updates und Governance. Man kann Code schneller erzeugen, als man ihn sauber überprüfen kann. Wenn Business-User Anwendungen mit besten Absichten, aber ohne technische Aufsicht bauen, sammeln sich viele Tools an, die am Ende niemand vollständig versteht. Und wenn dann etwas im laufenden Betrieb kaputtgeht: Wer repariert es?
Diese Geschichte kennen wir bereits: Viele Anwendungen wurden in Excel mit umfangreichem VBA (”Visual Basic for Application”) gebaut. Als sie nicht mehr richtig funktionierten, haben die Fachabteilungen das Reparieren, Umbauen und Warten schnell an die IT abgeschoben. Und bei Power BI sehen wir genau das Gleiche. Müssen wir das wirklich nochmal durchmachen?
Technische Schulden sind dabei das größte Thema. Schneller Code ist nicht automatisch guter Code. Er braucht Architektur, Dokumentation und jemanden, der ihn in sechs Monaten noch versteht und ändern kann.
Wir riskieren, Wegwerf-Code zu produzieren – Fast-Fashion für Software. Das mag für Prototypen funktionieren, aber nicht für Lösungen, auf denen Ihre kritischen Monatsabschluss-Prozesse laufen.
Wie nutzt man Leitplanken, damit Tempo nicht im Chaos endet?
Sie brauchen jemanden, der versteht und verifizieren kann, was die KI produziert. Business-User können Vibe Coding gut für kleine, klar abgegrenzte Änderungen nutzen: eine Formel anpassen, eine Berechnung ändern, die die keine Auswirkungen auf andere Bereiche hat.
Wenn es aber um neue Plattform-Funktionen oder komplexe Features geht, braucht es jemanden mit Entwicklungs-Know-how und technischer Kontrolle. Und zwar bevor irgendetwas Produktionsdaten berührt oder kritische Entscheidungen steuert.
Aber ist Überprüfen wirklich schneller, als gleich sauber zu bauen?
Frameworks mit stabiler Basis sind wertvoll. Wenn die grundlegende Infrastruktur (Sicherheit, Datenzugriff, Berechnungs-Engine) erprobt und gepflegt ist, wird das Aufbauen darauf sicherer.
Einige FP&A-Produkte bieten mittlerweile feste Leitplanken. Agents generieren Planungslogik innerhalb definierter Grenzen. Das ist Vibe Coding mit Absicherung und könnte die richtige Balance sein, um schnell und flexibel zu handeln, ohne Chaos zu erzeugen. Wir werden diese Entwicklung im Auge behalten.
Datenmanagement ist übrigens der Bereich, in dem ich großes Potenzial sehe. Importe, Transformationen, Integrationen fressen viel Zeit bei FP&A-Implementierungen. Hier arbeitet man aber oft in etablierten Umgebungen mit bekannten Datenstrukturen. Daher ist es hier in vielen Fällen weniger riskant, ETL-Skripte oder Validierungsregeln zu generieren. Anders als bei der Kern-Planungslogik.
Die Devise lautet also: Schnell testen, um zu verstehen. Man lernt nicht schwimmen, indem man darüber Bücher liest. Bauen Sie einen Prototyp, bringen Sie ihn zum Scheitern, verstehen Sie, was schiefging, und iterieren Sie. Es kann als wertvolle Blaupause dienen und dabei helfen, die Anforderungen im Verlauf weiter zu präzisieren.
Und bitte: Wiederholen Sie nicht die Fehler, die wir schon gemacht haben. Wir haben technologische Umbrüche erlebt – vom Spreadsheet-Chaos bis zur übereilten Cloud-Migration. Wir sind schon oft zwischen „das ändert alles“ und „der Zug ist bereits abgefahren“ hin und her gependelt. Vibe Coding ist mächtig. Es ersetzt aber nicht das Verständnis für Ihre Anforderungen, Ihre Daten und Ihre Prozesse.
Wie wird KI-Software die Anbieterlandschaft, Preise und den Beratungsbedarf verändern?
Es wird neue Anbieter geben, die ihre Produkte mit KI-generiertem Code bauen. Die Eintrittsbarrieren sinken. Rechnen Sie mit mehr Wettbewerb bei einfachen Datenerfassungs- und Reporting-Tools, denn sie lassen sich am leichtesten generieren. Das heißt: Es gibt zwar mehr Auswahl, aber auch mehr Aufwand bei der Prüfung. Die Qualität neuer Angebote muss sauber evaluiert werden.
Auch der Preisdruck wird erhöht. Gut für Anwender, weniger gut für manche Anbieter. Wenn sich Make-or-Buy verschiebt, weil interne Teams schneller selbst entwickeln können, müssen Anbieter ihren Mehrwert anders begründen.
Auch Beratungsleistungen werden sich ändern. Einfache Konfiguration und Customizing-Arbeiten verlieren an Wert, wenn Kunden sie selbst umsetzen können. Gleichzeitig wird strategische Arbeit noch wichtiger: Anforderungen wirklich verstehen, skalierbare Architekturen designen, systemübergreifend integrieren.
Es ist zu früh, um vorherzusagen, wohin sich der Markt entwickelt. Aber wir werden bald Auswirkungen spüren
Das Thema Vibe Coding kam in einer intensiven internen Diskussion mit meinen Kollegen auf, und ich bin ehrlich: Ich verarbeite die Implikationen noch.
Nachdem ich Planungsmodelle über viele Branchen und Produkte hinweg implementiert habe, frage ich mich immer wieder: Wo bringt das wirklich Wert? Und wo schaffen wir Risiken, auf die wir nicht vorbereitet sind?
Und es wirft weitere Fragen auf, die wir ernsthaft durchdenken sollten: Wer kann damit was erreichen? Wo profitieren FP&A-Experten? Was ändert sich für ETL-Entwickler? Wird testbasierte Entwicklung der neue Standard? Und was heißt das konkret im Alltag?
Dieser Text ist weniger eine Prognose als eine Sammlung von Gedanken für Finance-Leader, die ihre Optionen bewerten. Vibe-Coding wird beeinflussen, wie Sie FP&A-Software künftig bauen, kaufen und warten. Die Frage ist, ob Sie sich bewusst damit auseinandersetzen oder später darauf reagieren.